Montag, 25. März 2013

Interview mit Theresa

An dieser Stelle nun das zweite Interview / der zweite Fragebogen von Seiten einer Leserin. 
Heute ist es Theresa:

Inwiefern hast du mit Essstörungen zu tun- seit wann bist du betroffen?
Habe seit 6 Jahren bewusst Essstörungen - erst Magersucht mit 16, hab mich von 72kg bei 177cm auf 47kg runtergehungert und extrem Sport getrieben. Das wäre auch noch weiter runtergegangen, wenn ich den Wunsch gehabt hätte, zur Polizeit zu gehen. Dafür braucht man einen BMI von mindestens 18. Habe dann etrem angefangen zu "fressen" und es hat sich die Bulimie entwickelt. Erst waren es nur Fressanfälle, dann habe ich angefangen, sie mit Hunger, dann mit Sport und später auch mit Erbrechen zu kompensieren. Beim Erbrechen bin ich hängengeblieben. Da war ich 20 - heute bin ich 22. Denke aber, dass ich vorher schon anfällig war, denn ich wollte immer schlank sein und nichts essen, aber meine Mutter hat mich so kontrolliert, dass ich immer viel esse, dass ich mich nicht getraut habe, zu hungern...mit 16 war ich im Krankenhaus mit einem Magenproblem, dann hab ich angefangen zu erzählen, dass der Arzt will, dass ich nur noch fettarm esse und nichts süßes mehr. Mit 17 bin ich ausgezogen. Meine Mutter hatte dann keine Kontrolle mehr und ich konnte endlich "schlank" werden.
Da ich zwischenzeitlich 2 mal in der Klinik war, hat sich mein Essverhalten gebessert, jedoch habe ich immer noch regelmäßig Fressanfälle, wenn Probleme auftreten. Das sind zwischen 4 und 7mal die Woche.

Was denkst du, steckt hinter deinem Essverhalten?
Meine Mutter. Ich wollte nie so aussehen wie sie, fand sie immer fett und aufgequollen, obwohl sie Normalgewicht hat. Später habe ich herausgefunden, dass sie auch Bulimie hat. Sie hat mein Leben lang versucht micht zu füttern und mir mehr zu geben, als sie gegessen hat. Wenn ich einmal nicht aufgegessen habe, hat sie Anspielungen gemacht, ob ich eine Essstörung hätte, obwohl mir sowas damals noch gar nicht in den Sinn gekommen wäre. Außerdem war da der Kontrollgedanke...ich musste irgendwie mein Leben kontrollieren, als ich mit 17 ausgezogen bin, bin ich zu meinem damaligen Freund gezogen, da hat sich wieder eine Abhängigkeit aufgebaut, aus der ich so schnell nicht rauskonnte.
Seit ich denken kann, fühle ich mich zu fett...Essen war immer mein Tröster, und dann wurde es zu meinem Feind. Wenn es als Kind Belohnungen gab für gute Noten etc, dann immer nur in Form von Essen. Meine Mutter hat mich früh vergiftet....

Wie würdest du einem Fremden beschreiben, warum du dich so verhältst? 
Ich würde sagen, dass es wie eine Sucht ist. Ein Alkoholiker braucht Alkohol, ich brauche Junkfood. Süßigkeiten, Fast Food, Chips, Kuchen...alles mit vielen Kalorien, was der Seele guttut. Und weil ich so eine Angst vor dem zunehmen habe, wird das ganze dann wieder erbrochen.

Was hindert dich daran, "normal" zu essen?
Meine Gier...meine Schwäche....und mir fehlt die "Ersatzdroge"...und eine Unausgeglichenheit, die Unzufriedenheit mit mir und meinem Leben. Konflikte aus der Vergangenheit, die ich noch nicht bewältigt habe, zb der Nichtkontakt zu meiner Mutter im Moment. Eine große innere Leere, ich bin mit freier Zeit oft überfordert und weiß nicht, was ich tun soll, außer zu essen, und dann wieder zu erbrechen.

Was würdest du machen, wenn du morgen aufwachen würdest und du könntest auf einmal ganz normal essen? Was würde sich in deinem Leben verändern?
Ja, vieles würde sich verändern. Ich würde rausgehen und mir die Welt anschauen, weil ich Dinge genießen könnte, ohne die ganze Zeit an Essen zu denken. Das ständige Denken an Essen beeinflusst mich in meinem gesamten Tun, ich kann kaum noch was genißen, weil ich immer an die nächste Mahlzeit oder Fessanfall denken muss, ohne einfach mal Essen als das zu sehen was es ist: Energiebringer und evtl. noch Genußmittel. Ich wäre selbstbewusster und hätte mehr Kraft die Dinge zu verwirklichen, die mir wirklich wichtig sind.

Eine Essstörung betrifft ja nicht nur das Essen. Welche Dinge machst du nicht wegen der Essstörung? Bzw. anders gefragt: welche Dinge würdest du machen können, deiner Meinung nach, wenn du normal essen würdest?
Meine Freundschaften besser pflegen - es wäre nicht mehr alles von essen abhängig. Ich könnte spontan einladungen annehmen, etwas zusammen zu kochen oder mir auch einfach mal nen Kaffee und nen gutes Stück Kuchen in der Stadt gönnen. Sport würde ich nicht mehr machen, um abzunehmen, sondern weil es meinem Körper wirklich guttut. Also auch nicht übermäßig. Beziehungen zu Freunden und Familie würden sich allgemein verbessern, ich hätte keine Panik mehr vor Geburtstagen und Feiertagen, weil ich ganz normal am Buffet/Kuchen usw teilnehmen könnte und mit den Leuten Kontake pflegen kann.

Hattest du konkret aufgrund des Essverhaltens schon einmal Angst um dein Leben? Was ist genau passiert?
Ich hatte in der Zeit meiner Magersucht Angst, bald ganz kraftlos zu sein, und nichts mehr machen zu können. Mein Herz ist gerast und mein Puls war extrem niedrig, ic h hatte Angst bleibende Schäden davonzutragen. Meine Regel ist sehr lange ausgelieben - ich hatte Angst, keine Kinder mehr bekommen zu können und das habe ich auch jetzt noch. Habe Angst meine Beziehung kaputtzumachen, weil ich mich fett fühle und mich nicht mehr traue, mich vor meinem Freund nackt zu zeigen.

Was würdest du jemandem sagen, der gerade dabei ist, in eine Essstörung abzurutschen, aber noch umkehren kann?
Vielleicht. Ein Mitbewohner von mir ist gerade dabei, extrem abzunehmen und sehr viel Sport zu machen. Er isst nur noch Eiweiss und ein bisschen Fett und versucht komplett auf Kohlenhydrate zu verzichten. Er hat schon viel abgenommen. Wenn es schlimmer wird würde ich mir überlegen, ihn ins Vertrauen zu ziehen und sagen, was es wirklich mit einer ES auf sich hat...Es hängt aber immer von der jeweiligen Person ab.

Was macht deiner Meinung nach eine gute Therapie aus?
Sie geht in die Tiefe, und versucht deine Ängste aufzudecken und wirklich daran zu arbeiten, was die ES ausgelöst hat. Der Therapeut sollte auch selbst nachhaken und versuchen, den Patienten aus der Reserve zu locken und ihm deutlich zu machen, dass er die Genesung wollen muss, ansonsten gibt es keine Besserung. Der Druck sollte nicht allzu hoch sein - trotzdem muss es Regeln geben, die man befolgt und einen in Situationen bringen, sein Verhalten zu überdenken. Ein Therapeut sollte verständnisvoll sein, aber auch ehrlich - immer nur liebtätschelnd in die Hand genommen zu werden, würde mir nicht helfen. Ich möchte etwas über mich und meine Vergangenheit erfahren - und über Möglichkeiten, wie ich meine Defizite in Zukunft bessern kann. Außerdem sollte die Therapie vielschichtig sein - nicht nur Gesprächstherapie, sondern auch Formen wie Kunst oder Musiktherapie, wo unbewusste Verhaltensmuster aufgedeckt werden, sollten gemacht werden, um alle Ebenen des Bewusstseins anzusprechen.

Danke, Theresa!

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